Weniger Apps, weniger Reizüberflutung – das Volla Phone (Gründerinterview)

Weniger Apps, weniger Reizüberflutung – das Volla Phone (Gründerinterview)

Wir hatten die Chance, Herrn Dr. Wurzer, den Gründer von Hallo Welt Systeme, zu interviewen. Das Unternehmen hat das Volla Phone entwickelt – ein Smartphone, das es dem Nutzer ermöglicht, wieder einen freien Kopf für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu bekommen, ganz ohne die Reizüberflutung der modernen Smartphones. Apps sollen wieder zweitrangig werden, während die eigentliche Aktivität in den Vordergrund rückt.

Wie ist die Idee entstanden, Apps wieder in den Hintergrund zu schieben und den Fokus auf die Aktivitäten zu rücken?

Moderne Smartphones fordern von Anwendern viel Zeit und Aufmerksamkeit. Die Zahl der Apps wächst und wird unübersichtlich. Das hat mich motiviert, eine Lösung zu suchen, die den Anwendern, mich eingeschlossen, den Kopf für wichtiges freihält. Im Vordergrund stehen Menschen und Informationen, die wir mit Ihnen teilen. Technik ist nachrangig und sollte so einfach und unmittelbar wie Papier und Bleistift sein. 

Wie können unsere Leser sich die Benutzeroberfläche vom Volla Phone vorstellen?

Wenn Sie das Smartphone mit dem Volla Betriebssystem entsperren, sehen Sie zunächst das Springboard mit einem Textfeld und einen roten Punkt am unteren rechten Rand. Hier können Sie einfach anfangen, etwas zu schreiben und das Volla Phone erkennt, was Sie tun wollen und schlägt eine passende Vervollständigung oder Funktionen vor, zum Beispiel, um einen Anruf zu tätigen, eine Nachricht zu schreiben oder etwas im Internet zu suchen. 

Über den roten Punkt rufen Sie mit einer einzigen Geste häufig verwendete Funktionen oder Informationen auf, darunter Personen, mit denen Sie häufig oder zuletzt in Kontakt waren und gruppierte Mitteilungen und Nachrichten.

Benutzeroberfläche des Volla Phones
© Foto von Hallo Welt Systeme UG

Weil die meisten Anwender auf die eine oder andere Android App angewiesen sind, können sie mit einer einfachen Wischgeste auch eine Übersicht der Apps aufrufen. Grundlegende Apps sind bereits vorinstalliert und danach ausgewählt, dass Sie die Privatsphäre des Anwenders respektieren oder schützen.

Das Volla Phone kann mit vorinstalliertem Ubuntu Touch bestellt werden. Was genau ist das?

Es handelt sich um die mobile Variante des beliebten Ubuntu Linux Betriebssystem als unabhängige Alternative zu Android.

Wie lange hat es gedauert, das Volla Phone zu entwickeln?

Die Entwicklung begann nach der Gründung des Unternehmens Hallo Welt Systeme vor drei Jahren mit grundlegenden Konzepten, Technologien und der Auswahl der geeigneten Plattform. Unsere Prototypen haben wir gemeinsam mit einer Fokusgruppe überprüft und verbessert, bevor wir unsere Crowdfunding-Kampagne gestartet haben. Ihr erfolgreicher Abschluss ermöglicht uns nun, die erste Version der Betriebssysteme für das Volla Phone fertigzustellen du das Gerät zu produzieren.

Haben Sie auch in der Vergangenheit bereits mit der Entwicklung von Smartphones oder ähnlichem zu tun gehabt? Was sind Sie von Beruf?

Die Hallo Welt Systeme ist nicht mein erstes Unternehmen. Zuletzt hatte ich das Softwareunternehmen IQser gegründet, das heute vor einer Wachstumsphase steht und bei dem ich als Produktmanager tätig bin. Dessen Produkt, die Instantli Cloud und App liefert Anwendern automatisch relevante Informationen, ohne danach suchen zu müssen. Auch hier geht es um Einfachheit und Zeit für das Wichtige.

Ursprünglich habe ich Philosophie studiert. Schon immer hatte mich hierbei die Beziehung von Mensch und Technik interessiert.

Können mit dem Volla Phone sämtliche Android Apps genutzt werden?

Anwender, die sich für das Volla Betriebssystem entscheiden, können alle Android Apps verwenden, bis auf jene, die auf Google Play Services angewiesen sind. Das sind vor allem kostenpflichtige Apps. Um die Privatsphäre des Anwenders zu schützen, haben wir uns entschieden, ein Google-freies Android für das Volla Betriebssystem zu verwenden.

Auf Ubuntu Touch laufen aktuell keine Android Apps. Dafür gibt es aber einen eigenen alternativen App-Store.

Können Apps von Google und anderen Anbietern, die die Daten ihrer Nutzer sammeln, überhaupt nicht heruntergeladen werden?

Wir wollen niemanden bevormunden. Den Anwendern steht es frei, welche Apps oder Dienste sie installierten. Wir bieten aber mit dem App Store auf dem Volla Phone die Transparenz, welche Apps Nutzerdaten sammeln, sowie die Wahl freier, quelloffener Alternativen

Welche Vor- und Nachteile hat es (für den Nutzer), dass das Volla Phone in Deutschland hergestellt wird?

Mit dem deutschen Lieferanten Gigaset erhalten wir nicht nur eine hohe Qualität, sondern auch Rechtssicherheit der Lieferung und Gewährleistung. Nicht zuletzt ist die räumliche Nähe für die Zusammenarbeit von großem Vorteil. Davon profitieren auch unsere Kunden. 

Leider ist das Volla Phone zunächst nur CE zertifiziert, da weitere Zertifizierungen mit hohen Kosten verbunden sind. Das bedeutet, das wir uns zunächst auf den europäischen Markt fokussieren, um anschließend weiteren Märkte zu erschließen.

Während Ihrer ersten Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter waren die Volla Phones für 298 Euro erhältlich. Jetzt habt ihr eine zweite Kampagne auf Indiegogo gestartet. Hier sind die Smartphones ab 359 Euro erhältlich. Wie viel wird das Volla Phone letztlich kosten?

Für die Kickstarter-Kampagne hatten wir eine begrenzte Stückzahl zu einem Sonderpreis von 298 Euro für die ersten Unterstützer angeboten. Der Preis lag anschließend wie auf Indiegogo bei 359 Euro. Das Volla Phone wird zunächst in einer kleinen Serie produziert, sodass jetzt die beste Chance ist, ein Gerät zu erhalten.

Mit Ihrer ersten Crowdfunding-Kampagne haben Sie bereits 20.769 Euro sammeln können. Jetzt kann das Volle Phone in die Produktion gehen. Wann werden die ersten Handys erhältlich sein?

Die Auslieferung ist ab Oktober 2020 geplant.

Wo wird das Volla Phone später erhältlich sein?

Der Vorteil von Indiegogo ist, ein „InDemand“ zu nutzen. Im Grunde handelt es sich um einen Online-Shop für erfolgreiche Crowdfunding-Projekte.

Das Crowdfunding trägt nicht nur zur Finanzierung der Produktion der Hardware bei, sondern liefert zugleich einen Nachweis eines Marktes für das Volla Phone. Das ist Voraussetzung, um weitere Vertriebskanäle zu erschließen. Das sprechen wir aber schon über die nächste Produktgeneration.

Wie haben Sie es geschafft, Ihr Finanzierungsziel auf Kickstarter um 100% zu überschreiten? Wie haben Sie für Ihre Crowdfunding-Kampagne geworben?

Wichtig war es, bereits vor dem Start der eigentlichen Crowdfunding-Kampagne über Anzeigen, Presse und soziale Medien Interesse zu wecken und eine Community aufzubauen, der wir den Erfolg zu verdanken haben. Mit und für die Community wollen wir unser Produkt entwickeln.

Nicht zuletzt haben auch unsere Partner Gigaset, der VPN Anbieter Hide.me und die UBports Stiftung, die Ubuntu Touch vorantreibt, geholfen das Projekt bekannt zu machen.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in 5 Jahren? Was möchten Sie erreichen?

Mit Partnern wollen wir ein drittes Marktsegment neben dem Duopol von Apple und Google erschließen, damit Konsumenten eine Alternative kaufen können, die sich durch Einfachheit und Schutz der Privatsphäre auszeichnet. 

Das Volla Phone ist erst der Anfang. Wenn wir das Thema Einfachheit und Sicherheit konsequent weiterdenken, sind wir schnell bei Alternativen für weitere Produkte und Cloud-Dienste wie wir Sie heute kennen. Wir stehen vor einer spannenden Entwicklung.

Worin sehen Sie die größte(n) Herausforderung(en) für Unternehmensgründer? Worin bestand Ihr größtes Hindernis?

Die Beschaffung des Kapitals ist wohl immer eine große Herausforderung. Deshalb bin ich so begeistert von der Möglichkeit des Crowdfunding, die vor Jahren noch nicht denkbar war. Sie gibt kreativen Ideen eine Chance. Unternehmer bleiben dabei unabhängig. Das gibt es auf dem Kapitalmarkt nicht. 

In meinem speziellen Fall war wohl die größte Herausforderung, einen Hardware-Hersteller zu finden, der die Bereitschaft und Flexibilität mitbringt, eine kleine Serie in hoher Qualität zu produzieren. Unsere Partnerschaft mit Gigaset ist ein echter Glücksfall.

Vielen Dank, Herr Dr. Wurzer, für Ihre Zeit und Ihre Antworten! Wir wünschen Ihnen und Ihrem Unternehmen viel Erfolg für die Zukunft! 🙂

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