Mythen über Unternehmer – Was steckt dahinter?

Mythen über Unternehmer – Was steckt dahinter?

Welche Mythen über Unternehmer stimmen wirklich? | © Foto von FirmBee auf pixabay.com

Im Jahr 2018 gab es in Deutschland etwa 1,41 Millionen Selbstständige* – eine relativ kleine Zahl, wenn man sie zu den insgesamt rund 44 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland** ins Verhältnis setzt.

Das mag darauf zurückzuführen sein, dass viele Menschen in Deutschland nur ein sehr beschränktes Verständnis über das Unternehmerdasein haben und dass zahlreiche Mythen über selbstständige Unternehmer kursieren, von denen manche wahr, andere falsch und noch andere halb wahr und halb falsch sind.

In diesem Artikel möchten wir daher Licht ins Dunkle bringen und dir zeigen, was an den verschiedenen Mythen über Unternehmer wirklich dran ist.

1. Man muss zum Unternehmer geboren sein.

Sicher gibt es einige angeborene Fähigkeiten oder Persönlichkeitsmerkmale, die es einem Menschen erleichtern, sich mit einem eigenen Unternehmen selbstständig zu machen. Dazu zählen unter anderem Durchhaltevermögen, Selbstbewusstsein, Willensstärke, Selbstdisziplin und Kritikfähigkeit.
Wer diese Eigenschaften von Natur aus mitbringt, dem fällt es häufig leichter, sich für die Selbstständigkeit zu entscheiden. Doch die meisten Eigenschaften und Fähigkeiten, die einen erfolgreichen Unternehmer ausmachen, können ebenso erlernt werden wie fachspezifische Fähigkeiten.

Was so viele Menschen davon abhält, sich mit ihrem eigenen Unternehmen selbstständig zu machen, ist das System, in das sie hineingeboren werden. Im deutschen Bildungssystem wird den Kindern durchweg indoktriniert, dass sie sich in der Schule anstrengen müssen, um anschließend einen guten Job bei einem gut bezahlenden Unternehmen zu finden. Das Gründen eines eigenen Unternehmens wird als Alternative kaum bis gar nicht behandelt. Das deutsche Bildungssystem bereitet Kinder und Jugendliche also nicht wirklich ausgeglichen auf die Entscheidung zwischen Angestelltenverhältnis und Selbstständigkeit vor.

Die angeborenen Eigenschaften sind somit weniger entscheidend darüber, ob sich jemand für die Selbstständigkeit entscheidet, als das Umfeld, in das man hineingeboren wird. Denn wenn Kinder nicht in der Schule über die Möglichkeit einer Unternehmensgründung aufgeklärt werden, dann passiert das höchstens im privaten Umfeld, d.h. von den Eltern, anderen Verwandten oder Freunden.

2. Man benötigt ein Studium, um als Unternehmer erfolgreich zu sein.

Sicherlich ist es notwendig, dass man sich als selbstständiger Unternehmer so gut wie möglich auf seinem Fachgebiet auskennt. Da kann ein Studium durchaus hilfreich sein. In der Regel ist ein Studium jedoch nicht notwendig, um sich selbstständig zu machen.
Zwar benötigt man in ein paar Berufen ein bestimmtes Studium oder einen Meister, um sich selbstständig machen zu dürfen, doch in den meisten Bereichen besteht diese Notwendigkeit nicht.
Das notwendige Wissen, um sich in einem Bereich selbstständig machen zu können, kann man sich auch über Bücher, Seminare, online oder durch praktische Erfahrung aneignen.

3. Selbstständige Unternehmer verdienen mehr als Angestellte.

Zwar haben Unternehmer irgendwann nach ihrer Gründungsphase recht hohe Verdienstmöglichkeiten, doch zu Beginn ihrer Gründung müssen sie auch erstmal mit Arbeitszeit und Geld in „Vorkasse“ gehen, bevor sie eines Tages Gewinn erwirtschaften können. Mit dem Geld, das sie später verdienen, werden sie also auch erstmal für die Stunden „entschädigt“, die sie früher gearbeitet haben, ohne Lohn zu erhalten. Außerdem kommt hinzu, dass selbstständige Unternehmer häufig mehr Stunden arbeiten, wodurch sich herunter gerechnet nicht immer auch ein höherer Stundenlohn ergibt als bei einem Arbeitnehmer.

4. Man braucht eine bahnbrechende Idee, um sich selbstständig zu machen.

Heutzutage hört man immer wieder von innovativen Startups, die mit einer außergewöhnlichen Geschäftsidee sehr erfolgreich geworden sind. Das hat die Vorstellung eines selbstständigen Unternehmers grundlegend verändert. Sicherlich gibt es viele Unternehmer, die sich mit einer sehr guten Idee selbstständig gemacht haben. Doch deutlich mehr Unternehmer haben sich einfach in dem Beruf selbstständig gemacht, den sie bisher auch ausgeübt haben. Du kannst dir also einfach überlegen, in welchem Fachbereich du dich gut auskennst, welche Fähigkeiten du hast und welche fachlichen Qualifikationen du hast – und schon hast du einen Anhaltspunkt dafür, in welchem Bereich du dich selbstständig machen könntest.
Um dich selbstständig zu machen, brauchst du also keine bahnbrechende Produktinnovation.

5. Selbstständige Unternehmer arbeiten rund um die Uhr und haben keine Freizeit.

Vor allem in der Startphase arbeiten Unternehmer häufig deutlich mehr als Arbeitnehmer. 60 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche sind hier keine Seltenheit. Das liegt ganz einfach daran, dass eine Selbstständigkeit in der Anfangsphase häufig noch keine allzu hohen Gewinne abwirft. Bei einer Unternehmensgründung muss also zunächst viel Zeit und Geld in die Entwicklung des Unternehmens investiert werden, ohne dass dabei Gewinn erwirtschaftet wird. Einige Unternehmer gehen daher in der Gründungsphase einer zusätzlichen Beschäftigung nach, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Die Unternehmensgründung muss dann in der eigentlichen Freizeit stattfinden. Vor allem in der Gründungsphase ist es daher durchaus häufig der Fall, dass ein Unternehmer „rund um die Uhr“ (abgesehen vom Schlafen und Essen) an seinem Unternehmen arbeitet und kaum bis gar keine Freizeit hat.
Das Ziel vieler selbstständiger Unternehmer ist es jedoch, langfristig finanziell unabhängig zu werden und eben nicht mehr so viel arbeiten zu müssen wie bisher.

Der Mythos, dass Unternehmer rund um die Uhr arbeiten, stimmt demnach nur bedingt und kann hauptsächlich auf Unternehmer bezogen werden, die sich gerade noch in der Gründungsphase befinden. Doch auch in der Gründungsphase benötigen selbstständige Unternehmer einen Ausgleich zur Arbeit, sei es durch Sport oder durch Zeit mit Freunden. Ganz ohne Freizeit können also auch Selbstständige nicht auskommen.

6. Man kann ein Unternehmen nur gründen, wenn man sich in Vollzeit darum kümmert.

Es ist wohl wahr, dass ein Unternehmen schneller profitabel gestaltet werden kann, wenn sich der Gründer in Vollzeit darauf konzentriert, alle Unternehmensprozesse zu optimieren. Zwingend notwendig ist die Arbeit in Vollzeit jedoch nicht.

Gerade im Übergang vom Angestelltenverhältnis zur Selbstständigkeit arbeiten viele Gründer zunächst zumindest in Teilzeit im Angestelltenverhältnis weiter, um finanziell etwas besser abgesichert zu sein und sich nicht von Anfang an hundertprozentig auf die Einnahmen aus der Selbstständigkeit verlassen zu müssen.

7. Unternehmer können arbeiten, wann sie wollen.

Ob sich ein Unternehmer eine Arbeitszeiten flexibel einteilen kann, kommt ganz auf seinen Beruf an. Texter oder Programmierer beispielsweise können sich größtenteils selbst aussuchen, zu welchen Zeiten sie arbeiten wollen. Doch auch sie sind in ihrer Zeiteinteilung in der Regel nicht einhundertprozentig frei. Gegebenenfalls müssen sie erreichbar sein, wenn ihre Kunden eine Frage haben oder einen neuen Auftrag erteilen wollen.

Wer hingegen als Handelsvertreter oder Makler selbstständig ist, muss seine potentiellen Kunden in den Hauptgeschäftszeiten erreichen. Die Hauptaufgabe (das Akquirieren neuer Kunden) ist somit auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt.

Der Glaube, dass sich selbstständige Unternehmer ihre Arbeitszeiten frei einteilen können, stimmt also nur bedingt. Es kommt auf den Beruf an.

8. Unternehmer können arbeiten, wo sie wollen.

Bei einigen Unternehmern mag das sicherlich zutreffen. Wer beispielsweise als Programmierer oder Texter arbeitet oder einen Onlineshop per Dropshipping betreibt, der ist bei der Wahl seines Arbeitsplatzes sicherlich sehr flexibel – sofern er sich mit seinen Kunden nicht zu regelmäßigen Meetings verabredet.

Dass jeder Unternehmer ortsunabhängig arbeiten kann, ist jedoch ein Trugschluss. In vielen Arbeitsbereichen ist schließlich eine physische Anwesenheit notwendig. Wenn du dich beispielsweise als Handwerker selbstständig machst, bist du in der Wahl deines Arbeitsplatzes sehr eingeschränkt. Für deine Kernarbeit musst du zu deinen Kunden kommen. Lediglich deine Buchführung oder andere Büroaufgaben könntest du von Zuhause aus, auf Reisen oder in einem Café erledigen.

9. Wer selbstständig ist und keinen Chef mehr hat, lebt stressfreier.

Zwar ist es wahr, dass man sich als selbstständiger Unternehmer den Stress mit dem Chef oder anderen Vorgesetzten erspart. Doch das bedeutet nicht, dass eine Selbstständigkeit weniger stressig ist, weil man keinen Vorgesetzten im eigenen Unternehmen hat. Während ein Angestellter den Vorstellungen seines Arbeitgebers gerecht werden muss, muss ein selbstständiger Unternehmer den Wünschen seiner Kunden gerecht werden. Vor allem in der Anfangsphase kann es sich ein Gründer nicht erlauben, bei der Wahl seiner Auftraggeber wählerisch zu sein. Man nimmt, was kommt. Je nachdem, mit welchem Auftraggeber man dann letztlich zusammenarbeitet, kann auch die selbstständige Arbeit dann viel Stress mit sich bringen.

Außerdem fühlt man sich als Selbstständiger deutlich stärker verantwortlich dafür, dass die Wünsche der Kunden erfüllt werden. Auch das sorgt für zusätzlichen Stress im Leben eines Selbstständigen. Während die meisten Angestellten nach ihrem Feierabend nach Hause fahren und sämtliche Gedanken an die Arbeit hinter sich lassen, denkt ein selbstständiger Unternehmer auch über seine gewöhnliche Arbeitszeit hinaus noch darüber nach, wie er seine Kunden zufriedenstellen kann, und ist ständig erreichbar.

10. Unternehmer machen nur das, was ihnen Spaß macht.

Zwar wäre es durchaus wünschenswert, wenn man sich als selbstständiger Unternehmer ausschließlich denjenigen Projekten widmen könnte, die einem Spaß machen. In der Realität sieht das allerdings anders aus.

Sicherlich ist es bei vielen Unternehmern der Fall, dass sie sich ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und dass ihnen ihre Kernaufgabe durchaus Spaß macht. Trotzdem wird der Markt immer von Angebot und Nachfrage bestimmt. Wer ein eigenes Unternehmen führt, kann sich also nicht ausschließlich auf die eigenen Wünsche konzentrieren, sondern muss sich vor allem auch an den Anforderungen der (potentiellen) Kunden orientieren.
Vor allem in der Anfangszeit kommt hinzu, dass häufig das Geld fehlt, um für jede unliebsame Aufgabe einen Mitarbeiter einzustellen oder um einen externen Anbieter zu beauftragen. Somit müssen selbstständige Unternehmer während der Gründung ihres Unternehmens auch super viele Aufgaben übernehmen, die sie lieber auslagern würden, wenn sie es sich leisten könnten.

11. Selbstständige Unternehmer tragen ein riesiges Risiko.

Der Glaube, dass ein Angestelltenverhältnis eine enorme Sicherheit und ein geregeltes Einkommen bietet, ist in Deutschland weit verbreitet. Zwar ist es tatsächlich so, dass ein Unternehmer seine Gewinne nicht hundertprozentig vorhersehen kann und somit immer auf einen Notgroschen zurückgreifen können sollte, doch auch ein Arbeitnehmer kann sich nicht in vollständiger Sicherheit wähnen.

Dass der Arbeitgeber insolvent geht und Mitarbeiter entlassen muss, kann jedem Arbeitnehmer passieren. Gegebenenfalls wird das Gehalt nicht gezahlt und Niederlassungen müssen geschlossen werden. Hinzu kommen eventuelle private Schicksalsschläge, die einen Arbeitnehmer berufsunfähig oder pflegebedürftig werden lassen oder zu extremen finanziellen Belastungen führen können.

Ein selbstständiger Unternehmer kann den finanziellen Erfolg seines Unternehmens eigenverantwortlich in die Hand nehmen. Zwar besteht auch für ihn das Risiko, dass sein Produkt oder seine Dienstleistung nicht ausreichend nachgefragt wird und sein Unternehmen insolvent geht, doch im Gegensatz zum Arbeitnehmer kann er gezielt entgegenwirken und muss nicht bloß darauf hoffen und vertrauen, dass der Arbeitgeber das Unternehmen zum Erfolg führt, keine Niederlassungen schließt und keine Mitarbeiter entlassen muss.

12. Ein selbstständiger Unternehmer arbeitet nach seinen eigenen Regeln.

Sicherlich hat ein Unternehmer einige Freiräume, wie er seine Arbeit gestaltet. Er kann seinen Arbeitsplatz frei einrichten, gegebenenfalls in Cafés oder im freien Arbeiten und sich seine Arbeitszeiten zu einem gewissen Grad selbst einteilen.

In allen anderen Aspekten muss er sich jedoch ebenso an den Wünschen der Kunden orientieren wie ein Arbeitnehmer auch. Gerade als Selbstständiger ist man abhängig davon, seine Kunden zufriedenzustellen, um Umsatz zu generieren und schlussendlich von seinem Unternehmen leben zu können. Daher wäre es überaus kontraproduktiv, die Aufträge seiner Kunden ausschließlich nach den eigenen Vorstellungen zu erledigen.

Gerade selbstständige Unternehmer müssen ihre Arbeit also stark an den Vorstellungen ihrer Kunden ausrichten und können nicht ausschließlich nach ihren eigenen Regeln spielen.

13. Selbstständige haben einen sehr hohen Stundenlohn.

Wenn Angestellte mit einem Stundenlohn von vielleicht 12 Euro hören, dass ein selbstständiger Unternehmer in einem ähnlichen Berufsumfeld beispielsweise 60 Euro pro Stunde abrechnet, hört sich das für viele zunächst so an, als könne sich der Selbstständige diese 60 Euro netto in die Tasche stecken und mit sehr wenig Arbeitsaufwand im Monat seinen Lebensunterhalt verdienen.

Tatsächlich ist es jedoch so, dass es sich bei diesen 60 Euro pro Stunde um Umsatz, nicht etwa um Gewinn handelt. Zum einen muss ein Unternehmer auch Arbeiten erledigen, die er nicht direkt beim Kunden abrechnen kann, z.B. für Organisation und Buchführung.

Außerdem haben Unternehmer nicht nur Einnahmen, sondern auch Ausgaben. Von den 60 Euro pro Stunde müssen sämtliche Betriebsausgaben gedeckt werden, also unter anderem gegebenenfalls die Miete für Geschäftsräume, Bürobedarf, Fahrtkosten, Materialkosten usw. Des Weiteren müssen Selbstständige sich selbst krankenversichern und private Altersvorsorge betreiben.

Wer 60 Euro pro Stunde abrechnet, hat diese 60 Euro also längst nicht zum Leben, sondern muss zunächst erstmal alle Kosten decken.

14. Selbstständige können alle Kosten von der Steuer absetzen.

„Betriebsausgaben von der Steuer absetzen“ klingt zunächst nach einer großen Ersparnis und als bekämen Unternehmer ihre Einkäufe geschenkt. Es bedeutet jedoch, dass die Umsatzsteuer, die ein Unternehmer an das Finanzamt abführen muss, um die Mehrwertsteuer (also in der Regel 19 Prozent) der Betriebsausgaben verringert wird. Unternehmer können also lediglich die Mehrwertsteuer sparen – und das auch nur bei Betriebsausgaben, die auch als solche begründet werden können.

Ferner wirken sich die Betriebsausgaben bei der Berechnung der Einkommenssteuer gewinnmindernd aus, wodurch die zu zahlende Einkommenssteuer bei steigenden Betriebsausgaben sinkt.

Dadurch, dass Unternehmer ihre Betriebsausgaben von der Steuer absetzen können, können sie also tatsächlich Geld sparen. Sie können ihre Betriebsmittel günstiger erhalten als Privatpersonen – benötigen in der Regel jedoch auch deutlich mehr Büromaterialien usw. als eine Privatperson. Es ist also nicht zu vernachlässigen, dass durch den Kauf aller Betriebsmittel trotz der steuerlichen Absetzung hohe Kosten entstehen können.

Fazit: Mythen über selbstständige Unternehmer

Wenn du darüber nachdenkst, dich mit deiner Geschäftsidee selbstständig zu machen, dann solltest du einen realistisch Blick auf das Unternehmerdasein entwickeln (falls du diesen bisher noch nicht hast). Wenn du dir den Wahrheitsgehalt der gängigen Mythen über selbstständige Unternehmer deutlich machst, ist das bereits ein wichtiger Anfang und ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Quellen:
* IFB Uni Erlangen-Nürnberg; Diverse Quellen (Berufsorganisationen/amtliche Statistiken); BARMER; Juli 2018, https://bit.ly/2dmkBh9
** Statistisches Bundesamt, März 2019, https://bit.ly/2eJ45VW

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1 Comment
  1. uwa April 25, at 15:22

    Die 1,4 Millionen sind Selbstständige in freien Berufen. Es gibt aber auch noch andere Selbstständige, insgesamt ca. drei Millionen. Einfach mal beim statistischen Bundesamt gucken.

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